Wider alter Gewohnheiten

Muss Fleisch so billig sein?





Von Nils Lieberknecht

Stellen Sie sich vor! Nehmen Sie sich ein DIN-A4-Blatt Papier und stellen Sie einen ausgewachsenen Vogel in der Form eines Fußballs mit Beinen darauf vor. Und dann stellen Sie sich 33000 dieser Rechtecke nebeneinander vor. Dann umgeben Sie das ganze mit fensterlosen Wänden und einem Dach. Dazu kommen Systeme für automatische Futterzuführung, Wasser, Heizung und Belüftung. Das ist eine Farm. Der Bundesgerichtshof hat nun diese Art der Tierhaltung verboten. In einem Urteil vom 12. Oktober 2010 legt der BGH den Bundesländern die Pflicht auf, bis zum 31. 03. 2012 Neuregelungen für die Käfighaltung von Hühnern zu treffen. Der BGH bemängelt die Vorschriften zur Haltung, die Übergangsregelungen und die Nichtbeachtung der Empfehlungen der Tierschutzkommission. Hinter dieser Tierhaltung verbirgt sich die Käfighaltung, die 2002 abgeschafft und 2006 in Form der Kleingruppenhaltung wieder eingeführt wurde.

Für die Hühner bedeutet dies, sie haben 0,043 Quadratmeter Platz zum Leben. Jonathan Safran Foer, ein amerikanischer Philosoph, stellt in seinem Buch "Tiere essen" den Vergleich auf mit einem total überfüllten Aufzug, in dem man sich nicht bewegen kann, ohne einen Nachbarn anzurempeln oder ihn zu verärgern. Aufgrund dieser Lebensbedingungen der Hühner muss man sich fragen, ob das produzierte Fleisch für unsere Ernährung einen solchen Stellenwert haben soll und ob man Fleisch nicht teurer anbieten sollte. Fleisch gehört für 99,5% der Bevölkerung in Deutschland zum Ernährungsplan dazu. Barbara Rütting, Tierschützerin, Autorin und Veganerin, meinte in einer Sendung von "Hart aber fair", wenn jeder die Abläufe der Fleischproduktion kennen würde, würden viel weniger Menschen Fleisch essen.

Die Bedingungen, unter denen die Tiere leiden oder auch nicht leiden, sind umstritten. Es ist per Gesetz geregelt, dass es keine "Qualhaltung" geben darf. Doch kommt es immer wieder zu Fehlern bei der Tötung von Tieren. Ein Mitarbeiter in der größten Schlachterei in Deutschland hat 4 Sekunden Zeit, um ein Schwein zu töten. Diese Schlachtung passiert am Fließband, dass hier Fehler auftreten, ist unumstritten. Joscha L. findet, dass diese Tatsachen keinen Grund darstellten, kein Fleisch mehr zu essen, da die Tiere nur für den Zweck gezüchtet würden, gegessen zu werden. Dagegen spricht Rütting, die nicht verstehen kann, dass sich Menschen die Freiheit herausnehmen Tiere zu töten.

Die Tiere, die wir fast täglich essen, können auf unterschiedliche Weise ihr Leben gelebt haben. Ein herkömmliches "Industrie-Huhn" ist einen Monat am Leben. In dieser Zeit nehmen die genveränderten Masthühner so viel zu, dass sie das 29-Fache ihres Geburtsgewichtes erreichen. Ein Kilogramm von diesen Hühnern kostet 10 €. Im Gegensatz dazu kostet ein Kilogramm eines "Bio-Huhnes" 29 €. "Bio-Hühner" brauchen ca. 4 Wochen länger, bis sie das Gewicht des "Industrie-Huhnes" erreicht haben.

Dies liegt an einem kalorienärmeren Futter und mehr Bewegung. Für viele Menschen ist deswegen der Kauf von "Bio-Hühnern" aus finanziellen Gründen nicht tragbar. Michaela B., alleinerziehende Mutter von fünf Kindern, erzählt, dass sie gerne teureres Fleisch den Tieren zuliebe kaufen würde, wenn sie mehr Geld hätte. Es gibt jedoch auch andere Fälle, bei denen die Menschen keine Rücksicht auf die Tiere nehmen, obwohl sie dies könnten.

Um den Tieren ein angenehmeres Leben zu ermöglichen, müsste man für mehr Transparenz in der Produktion sorgen, die Lebensbedingungen der Tiere verbessern und Fleisch als das akzeptieren, was es ist: Eben ein Luxusgut, wie es Sarah Wiener, eine Restaurantbesitzern aus Wien, in der Sendung "Hart aber fair" bezeichnete. Dies würde zwangsweise höhere Preise bedeuten. Jedoch wird durch Krisen, wie die aktuelle Dioxinkrise, die Bereitschaft größer mehr für Fleisch zu bezahlen, in der Hoffnung auf eine Qualitätsverbesserung. So bleibt die Frage nach einem guten Umgang mit den Tieren auch eine Frage, inwieweit sich die Gesellschaft verändern möchte beziehungsweise ihren Speiseplan anpassen möchte, damit die Tiere, die für ein paar Minuten Genuss sterben müssen, ein besseres Leben bekommen. Sicher ist, dass sich etwas durch das BGH-Urteil in der Fleischproduktion verändern wird. Wie weitreichend diese Veränderungen sind, kann noch niemand abschätzen. Dass die Fleischproduzenten von ihrer Linie abrücken, ist jedoch zu bezweifeln.


Bild: © Uschi Dreiucker / PIXELIO