Überlebenskampf im Schnee

Obdachlose stellt der strenge Winter auf eine harte Probe





Von Laura Zirkel

(Januar 2011) Klirrende Kälte, ein eisiger Wind und Berge von weißem Schnee bedecken derzeit Schlüchtern. Während wir uns ins kuschlig Warme zurückziehen können, haben allein in Hessen 20.000 – 30.000 Obdachlose keine andere Wahl, sie müssen trotz der frostigen Temperaturen unter freiem Himmel nächtigen. Die Zahlen seien zwar laut des Hessischen Statistischen Landesamtes (HSL) leicht rückläufig, jedoch sind wohnungslose Menschen tagtäglich enormen Gefahren, Ausgrenzungen und Benachteiligungen ausgesetzt. Jetzt, wo wir mit Temperaturen weitaus unter dem Gefrierpunkt die kältesten Nächte des Jahres erleben, beginnt für die Obdachlosen der nackte Kampf ums Überleben.

Ein pfeifender Wind weht durch das Bahnhofgebäude in Schlüchtern, ein dunkler, schmutziger, heruntergekommener Ort, an dem keiner freiwillig länger verweilen würde. Für Jürgen ist es die einzige Überlebenschance, um den harten Winternächten zu entkommen. In einem Bundeswehrschlafsack versucht er so trotz der Minusgrade über die Runden zu kommen. Bitterkalt ist es am jenen Dezembermorgen, als ich Jürgen antreffe, er ist heimatlos und hauste die vergangene Nacht im Bahnhof.

Jürgen kommt aus Fulda, die Strecke bis nach Schlüchtern ist er schwarz gefahren. Er will weiter, bis nach Frankfurt, dort erhofft er sich bessere Übernachtungschancen, denn in Fulda gäbe es vermehrt Ärger mit dem Ordnungsamt, das möchte er sich nicht mehr bieten lassen. Bei Jürgen, 56 Jahre alt, ging alles ganz schnell, nachdem ihm im Jahre 2001 nach 12 Jahren als Fernfahrer fristlos gekündigt wurde. Er konnte seine Miete nicht mehr bezahlen, es kam zur Kündigung des Mietvertrages und zur Räumungsklage, binnen 2 Monate saß er auf der Straße, das war im März 2002. Nun mehr acht Jahre später hat er den Absprung immer noch nicht geschafft, der Teufelskreis hält ihn gefangen. Vergangenen Winter wehrt sich sein Körper gegen die unmenschlichen Bedingungen. Er wird krank. Mit einer Lungenentzündung kommt er ins Krankenhaus, für viele ein Alptraum, für ihn ein Segen, denn es bedeutete für ihn ein Dach über den Kopf, eine warme Dusche, eine warme Mahlzeit.

Hemmungen, Skrupel und Ängste habe er nicht mehr: "Du verlierst deine Skrupel, du wirst ein tödliches Lebewesen, aber er tue keiner Fliege etwas zu Leide, ich habe nur keine Skrupel mehr", berichtet er mir trocken. Er fühle sich ausgebeutet von der Gesellschaft, er sei am Rande, dabei wollte er sein ganzes Leben nur Bestandteil dieser Gesellschaft sein. "Gut sein, einfach besser als die anderen", das sei sein Ziel gewesen.

Es benötigt keine genauere Betrachtung um ihn die Torturen der letzten Jahre anzusehen, denn seine gerötete Haut ist aufgequollen und spröde, man nimmt von seinen Augen lediglich zwei dunkle Schlitze wahr. Ein paar wenige fettig glänzende, braun-graue Haarsträhnen lugen durch seine dunkelblaue Pudelmütze hervor. Er wirkt körperlich kaputt, ausgebrannt und psychisch am Ende.

Das wiederholte Auftreten von Wohnungslosen im Winter wird auch in der Schlüchterner Innenstadt bemerkt. R. Baier, Mitarbeiter der "Alten Apotheke", beschwert sich, dass während der Wintermonate zunehmend Obdachlose, auf der Suche nach ein bisschen Wärme, Zuflucht in der Apotheke suchen würden, die meist alkoholisierten Menschen schreckten dabei mögliche Kunden ab. Doch wo sollen sie sonst unterkommen? Auf Anfrage verweist B. Ulrich, Angestellte des Ordnungsamtes der Stadt Schlüchtern, auf die Containeranlage, die sich hinter einem Schlüchterner Baumarkt im östlichen Industriegebiet befindet. Diese würde Abhilfe gegen die frostigen Minusgrade schaffen, außerdem gäbe es dort die Möglichkeit für Obdachlose kurzfristig zu übernachten, sich aufzuwärmen und zu duschen. Doch auch dort sind Defizite zu beklagen, es gäbe Kapazitätsengpässe und die Grundversorgung sei mangelhaft. Ein weiterer Anlaufpunkt für Obdachlose sei die Schüchterner/Steinauer Tafel, der ehrenamtliche Verein verteile wöchentlich zu einem geringen Aufpreis von 1,50 - 3,00 Euro bis zu 300 Essenskörbe an Hilfebedürftige, teilt mir G. Richter, 1. Vorsitzender der gemeinnützigen "Tafel", mit.

Und Jürgen? Der liegt an jenem bitterkalten Montagmorgen nicht mehr am Bahnhof. Der Platz blieb auch die darauf folgenden Tage leer. Ob er sich auf den Weg nach Frankfurt gemacht hat? Oder ihm etwas zugestoßen ist? Es bleibt wohl ein offenes Rätsel. Denn obwohl Obdachlosigkeit längst keine Randerscheinung mehr ist, bleiben die Betroffenen von der Öffentlichkeit meist unbeachtet, sodass ihr Verschwinden kaum registriert wird.


Bild: © Marlit Hartkopf/ PIXELIO