Taekwondo in Deutschland

Asiatische Lebensphilosophie erfreut sich in Europa zunehmender Beliebtheit





Von Florian Happ

Die Taekwondokämpfer in Schlüchern treten in den Übungsraum ein, richten sich in der Rangfolge ihrer Gürtelgrade in einer Reihe aus. Trainer und Schüler begrüßen einander nach den Worten: "Charyot, kyongle" mit einem Verbeugen. Schon geht das intensive Aufwärmungsprogramm los, bevor sie Fuß- und Schlagtechniken gegen die Schlagpolstern einsetzen.

Die ursprünglich aus Korea stammende Kampfkunst "Taekwondo" erfreut sich auch in Europa zunehmender Beliebtheit. In über 60 Ländern der Welt wird diese Sportart bereits praktiziert und ein Ende des kometenhaften Aufschwungs ist nicht abzusehen. Im Gegensatz zu Kampfkunstarten wie Judo oder Karate, die in Europa sehr populär sind, ist "Taekwondo" immer noch wenigen ein Begriff. Häufig wird im Volksmund das Wort "Karate" als Synonym für "Kampfsport" verwendet, "weil es doch sowieso alles das Gleiche sei". Dabei bleibt unberücksichtigt, dass es eine große Vielfalt an Kampfkünsten gibt, von denen jede ihr eigene Herkunft und Vergangenheit, ihre eigenen Techniken und eigenen Traditionen hat. Um diese Künste verstehen und unterscheiden zu können, ist die Auseinandersetzung mit den geschichtlich verankerten Prinzipien und Traditionen ein Muss.

Übersetzt bedeutet Taekwondo so viel wie "Die Kunst der waffenlosen Selbstverteidigung". Das Wort lässt sich in drei Teile zerlegen, in "Tae", das übersetzt "im Sprung mit dem Fuß treten" bedeutet und damit die Fußtechniken kennzeichnet. "Kwon" bezeichnet die Handtechniken und "Do" bedeutet übersetzt "der geistige Weg". Es geht also im Taekwondo um die geistige und körperliche Entwicklung von Frau und Mann.

Die geschichtlichen Wurzeln liegen in nördlichen Teil Koreas und führen über 2000 Jahre zurück. Es war natürlich nicht das Korea, welches wir heute kennen, sondern es war in vier Königreiche aufgeteilt: Koguryo, Baekje, Koroyo und Silla. Doch in jedem dieser Länder wurde die Kunst der waffenlosen Selbstverteidigung praktiziert, da die Soldaten der Könige nach Verlust der Waffen sich mit Schlägen und Tritten weiter zur Wehr setzten sollten. In der modernen Form besteht die koreanische Kampfkunst seit 1955. In diesem Jahr wurden die verschiedenen Taekwondo - Stile, die sich im Laufe der Zeit entwickelt hatten, unter der Leitung von Choi Hong Hi (General) zusammengefasst und neu strukturiert.

Taekwondo hat nun bislang ein nie da gewesenes Ausmaß erreicht. Die Kampfkunst war einst nur Adeligen und Rittern vorbehalten, praktizieren es heute Zehntausende in über 60 Ländern der Welt. Auch Deutschland hat an dieser beeindruckenden Entwicklung teilgenommen. Seit den ersten Taekwondo - Demonstrationen 1965 in München ist die Zahl der Taekwondomitglieder rasant gestiegen. Taekwondo - Trainer und Träger des 3. Dan (schwarzer Gürtel) Jörg H. war bei dieser Entwicklung in Deutschland dabei und berichtet: "In den Anfängen waren wir nur drei bis fünf Leute, die zusammen trainierten, und heute ist unser Verein in Schlüchtern auf ca. 180 Mitglieder angewachsen!"

"Taekwondo ist mehr als nur die Kunst sich selbst verteidigen zu können, es bezeichnet viel mehr einen Lebensstil", findet Christoph W. Was Taekwondo für den Einzelnen bedeutet, kann der Vize – Deutsche – Meister erklären: "Im Taekwondo kann ich meinem hektischem Alltag entfliehen und Stress abbauen." Des Weiteren erklärt sein Bruder Steffen (Hessenmeister), dass Taekwondo nicht nur die körperlichen Fertigkeiten verbessern, sondern auch den Charakter reifen lassen würde. Laut seiner Auffassung ist Taekwondo nicht nur als Kampf zu verstehen, sondern auch als Ausgleich für Körper, Geist und Seele. Denn das harte, köperbetonte Training ist die beste Methode Spannungen abzubauen, man fühlt sich regelrecht befreit und findet inneren Frieden. Warum diese Sportart zunehmend an Beliebtheit gewinnt, könnte daran liegen, dass in der heutigen hektischen und stressigen Zeit Taekwondo die Möglichkeit anbietet, den Körper zu trainieren und gleichzeitig Geist und Seele zu entspannen.

Nicht anders erging es an diesem Abend den Kämpfern, die nach getanem Training den Raum verlassen. Gut gewappnet gegen die Herausforderungen des Alltags.


Bild: gemeinfreies Piktogramm