Erfolgreich überwundene Sprachbarrieren

Kinzig – Schüler erkunden auf Projektfahrt einander Trennendes und Verbindendes




"Ich kenne viele Polen bei mir in Brückenau, sie sind mir von Anfang als freundliche Menschen begegnet. Dieser Eindruck wurde auf der Projektfahrt nach Jarocin nur bestätigt. Den ersten "Schock" des äußeren Erscheinungsbildes vieler Häuser kompensierte das gastfreundliche Wesen der Menschen. Sprachbarrieren konnten durch die offene Art der Polen schnell überwunden werden".



So äußerte sich der berufliche Gymnasiast Florian Kaufmann am Ende einer Projektfahrt, die er mit 25 Mitschülerinnen und –schülern Mitte März in die polnische Partnerstadt Schlüchterns unternommen hat. Eine Einschätzung, die er ohne Zweifel mit anderen teilt: "Die Leute waren total freundlich. Keiner hat mich komisch angeguckt wie in Frankreich. Die Leute haben sich dabei bemüht, alle gleichermaßen einzubeziehen", bestätigt auch Projektschülerin Lisa Menzl Florians Eindrücke.



Denn das Ziel, den interkulturellen Austausch anzustoßen, vorhandene Potenziale zu mobilisieren und bestehende Kontakte zu festigen, welches das polnisch – deutsche Leitungsteam des Schulpartnerschaftsprojekts der ZSP nr 1 Jarocin und des Beruflichen Gymnasiums der Kinzig – Schule gesetzt hat, wurde, so die einhellige Meinung der Teilnehmer der vierten Projektphase, im Projektjahr 2010 zum Schwerpunkt mit dem Titel "Über Trennendes und Verbindendes. Nachbarn und Partner der Gegenwart und Zukunft", erreicht.



So sprechen auch die Projektschülerinnen Mandy Hoffmann und Eva Leskopf von einer "gelungenen Verständigung". Man hätte anfangs Anlaufschwierigkeiten gehabt, die schnell überwunden werden konnten. Gerade Aktivitäten wie der Nachmittag mit den gleichaltrigen polnischen Projektschülerinnen und –schülern hätten, dabei "ohne Lehrer unterwegs", die Verständigung und den Kennenlernprozess vorangebracht.



Nicht nur der gemeinsame Nachmittag, sondern auch andere Programmpunkte waren für den Dienst an der interkulturellen Kommunikation fernab von Sprachbarrieren bestimmt. Dabei halfen dem Leitungsteam, unter Beteiligung von mgr Grzegorz Gorzelanczyk und mgr Roman Nowicki polnischerseits, den Lehrkräften Margarete Kolenda und Björn Keilwerth sowie Studienrat Richard Guth deutscherseits, die Erfahrungen der vergangenen Jahre.



Sprachbarrieren sollten durch Aktivitäten in den Bereichen "Landeskunde", "Gastronomie" und "Fotografie" kreativ überwunden werden.



Integrationsübungen wurden durch Arrangements insbesondere am "Deutschen Tag" sinnvoll ergänzt. Diese Veranstaltung vereinte vielfältige Angebote, die unter reger Teilnahme der Schulgemeinde der Jarociner Partnerschule, die an diesem Tag einen Projekttag beging, durchgeführt wurden, in sich, und wurde zum Teil sehr aufwendig gestaltet. So kleideten sich Dutzende polnische Schülerinnen und –schüler als "typische" Polen und Deutsche und lieferten einen Wettbewerb um die Gunst der Gäste und der Jury.



Das Herzstück des Tages, an dem auch der Landkreis in der Person von Wicestarosta (Vizelandrat) Przemyslaw Musielak und der Partnerschaftsverein Jarocin – Schlüchtern durch Mariusz Kazmierczak vertreten waren, bildete das Wetteifern einer deutschen und einer polnischen Gruppe, die Fragen aus den Bereichen "Sprache", "Politik", "Kultur" und "Landeskunde" beantworten bzw. zugehörige Aufgaben lösen mussten.




Das polnisch - deutsche Publikum wurde in der gut gefüllten Pausenhalle auch nicht außen vor gelassen. "Keiner musste dabei alleine sitzen", bilanziert Sarah Witschak, Projektschülerin mit schlesischen Wurzeln, bezüglich ihrer Gesamterfahrungen von einer gelungenen Projektzusammenarbeit. Der Sieg zugunsten der deutschen Gruppe fiel dabei äußerst knapp aus, was an diesem Tag keinen der polnischen Schüler weiter zu betrüben vermochte.



Gelegenheit für die Vertiefung des interkulturellen Austausches boten auch Stadt- und Betriebserkundungen (so unter anderem in einer in einem Modernisierungsprozess begriffenen Ziegelei, die vormals im deutschen Besitz war, in Roszków bei Jarocin). Dabei führte der Weg der Teilnehmer in die aufstrebenden westpolnischen Großstädte Posen (Poznan) und Breslau (Wroclaw).



Gerade "in Rücksichtnahme auf das historische Erbe" sollten dabei "neue Erfahrungen hinsichtlich abweichenden Verhaltens- und Denkweisen" gesammelt werden, so Projektschüler Matthias Marx. Dabei zeigt gerade das Beispiel der ehemals deutschen Stadt Breslau, mit 610.000 Einwohnern heute viertgrößte Stadt Polens, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft interkulturellen Austausches. Eine Stadt, die 1945 – 48 durch Krieg, Flucht und Vertreibung ihre deutsche Bevölkerung nahezu komplett verlor und danach für viele polnische Heimatvertriebene aus dem Raum Lemberg (poln. Lwów, ukr. Lwíw, heute Ukraine) zu einer neuen Heimat wurde. Besonders im niederschlesischen Breslau zeigten sich Unterschiede zwischen Land und Stadt, aber auch deutliche Fortschritte in der Perspektive der vergangenen Jahre, so Tim Kornherr, einer der vier Betreuer, die als ehemalige BG – Schüler die Arbeit des binationalen Leitungsteams unterstützten.



Erfahrungen, die er stellvertretend für alle Projektschüler auch den kommenden Projektjahrgängen wünscht. Denn das Partnerschaftsprojekt sei "um Einiges sinnvoller als Klassenfahrten, denn es dient nicht nur der Festigung des Zusammengehörigkeitsgefühls bei den Kinzig – Schülern, sondern trägt gleichzeitig der Förderung der interkulturellen Kommunikation Rechnung", so der Bayreuther BWL – Student Eugen Trautwein (BG – Abiturjahrgang 2008), der während der Fahrt als Betreuer tätig war.




Eine interkulturelle Verständigung zwischen Polen und Deutschen, Polnisch- und Deutschstämmigen, die jeder selbst vor seiner eigenen Haustür, sei es in Bad Brückenau oder Schlüchtern, auf deren Notwendigkeit, aber auch Sinn und Zweck überprüfen kann.


Richard Guth, StR, deutscher Projektleiter