Pro Stuttgart 21

Die vergessenen Befürworter eines Megaprojekts





Von Julian Zerzawy

Kosten in Milliardenhöhe, Zerstörung von kulturellem Erbe. Stuttgart 21 war in den letzten Monaten nicht nur in Stuttgart Gesprächsthema Nummer 1. Dabei wurden die Argumente der Befürworter wenig beachtet. In den letzten Wochen hatte man viel über den derzeit stattfinden Bau eines unterirdischen Bahnhofs in Stuttgart gehört, das so genannte "Stuttgart 21" - Projekt. Größtenteils bezog sich die bisherige Berichterstattung auf die Protestaktionen der Stuttgart 21-Gegner und das scheinbar zu harte Eingreifen der Polizei. Von den Befürwortern hört man jedoch relativ wenig in den Medien. Doch was haben die zu sagen, was sind ihre Argumente pro Stuttgart 21?

Seit 1995 steht fest, dass das Projekt Stuttgart 21 umgesetzt wird. Zu der Zeit haben zwei Drittel der Stuttgarter Bevölkerung das Projekt unterstützt und es hatte zu dem Zeitpunkt kein mediales Interesse erfahren. Auch das am 14. November 2007 übergebene Bürgerbegehren gegen das Projekt fand außerhalb Stuttgarts keine große Beachtung und wurde abgelehnt. Deutschlandweite Beachtung fand das Projekt erst November 2009, da seit diesem Monat wöchentliche Montagsdemonstrationen gegen das Projekt durchgeführt wurden. Aber nicht nur die Gegner demonstrierten. Seit September 2010 fand jeden Donnerstag das so genannte "Laufen für Stuttgart" statt, welcher jedoch viel weniger Teilnehmer hatte als Montagsdemonstrationen der Gegner. Jedoch hat sich besonders im Internet eine große Gemeinschaft für den Bau des unterirdischen Bahnhofes entwickelt, z.B. im sozialen Netzwerk "Facebook" hat die größte "Pro Stuttgart 21" - Gruppe mit ca. 130.000 Mitglieder mehr Mitglieder als die größte Gruppe der Gegenseite mit ca. 100.000 Mitgliedern.

Eine Alternative für Stuttgart 21 wird auf der Internetseite www.kopfbahnhof-21.de vorgestellt. Statt auf einen unterirdischen Bahnhof zu setzen, wird hier eine Modernisierung des alten Bahnhofs gefordert, was laut Aussage der Befürworter sowohl kostengünstiger als auch leistungsfähiger sei. Die scheinbar hohen Kosten sind immer wieder ein Hauptargument gegen Stuttgart 21. Spekulationen gehen davon aus, dass die Kosten nicht bei den angegebenen 4,1 Milliarden Euro bleiben, sondern diese sich letztendlich auf 10 Milliarden Euro belaufen würden. Die Gegenseite ist da aber anderer Meinung, wie man auf der Internetseite www.stuttgart21-ja-bitte.de nachlesen kann. Zum einen ist man der Meinung, die Kosten seien im Vorfeld korrekt kalkuliert worden und zum anderen sei auch die Aufregung über die festgelegten 4,1 Milliarden Euro nicht verständlich, da es für einen außenstehenden Normalbürger unmöglich sei eine reelle Vorstellung von den Kosten zu bekommen. So sagt der Betreiber des Blogs http://werwigk.de/ zu diesem Thema: "Ein großes Problem der Medienberichterstattung ist und war die völlig aus dem Zusammenhang gerissene Angabe der Kosten, welche sich so wirklich teuer anhören, aber in Bezug auf dieses Projekt vollkommen angemessen sind". Außerdem sei diese Summe bei einer Bauzeit von 8 Jahren gerade mal 0,5% der Wirtschaftsleistung der Region Stuttgart. Auch im Vergleich zu anderen Bauprojekten wie z.B. die Hafencity in Hamburg wäre Stuttgart 21 sogar preiswert. Die Ausgaben würden außerdem durch die angeblich steigenden Erlöse durch das Projekt innerhalb relativ kurzer Zeit wieder in die Stadtkasse gespült.

Aber auch die angebliche Leistungsfähigkeit eines modernisierten Kopfbahnhofs wird von der Gegenseite kritisiert, da bei diesem Vorschlag keine Direktverbindung zwischen Bahnhof und Flughafen bestehe, was wirtschaftlich gesehen wieder ein Nachteil sei. So äußert sich Dr. Matthias Werwigk zu diesem Thema wie folgt: "Eine Modernisierung des alten Bahnhofes halte ich für eine Fehlinvestition. Damit könnte man den derzeit bestehenden Bahnhof zwar teilweise auf den heutigen Stand bringen, jedoch ist dieses Konzept nicht zukunftsorientier, da z.B. eine wichtige Direkt-Verbindung zum Stuttgarter Flughafen fehlt." Des Weiteren wird die hohe Lärmbelastung einer oberirdischen Bahnstrecke als Argument für Stuttgart 21 angeführt, da diese bei einer unterirdischen Strecke wegfallen würde. Neben der sinkenden Lärmbelastung führen die Stuttgart 21 - Befürworter auch stets den, durch das Abreißen des alten Bahnhofs, entstandenen Platz als Argument an.

Durch den Abriss wird eine Fläche von einhundert Hektar frei für neue Häuser, wobei kalkuliert wurde, dass Platz für ca. 12000 neue Einwohner entstehen würde, was laut www.stuttgart21-ja-bitte.de auch für die Umwelt Vorteile bringen könnte, da man für die Erweiterung von Stuttgart keine bisher naturbelassenen Orte bebauen müsste. Des Weiteren würde der zentral gelegene Standort neue Möglichkeiten für die öffentliche Infrastruktur bieten, da dies auch der ideale Standort für öffentliche Einrichtungen wie die derzeit schon geplante Bibliothek sei. "Ebenfalls bringen diese Abrissmaßnahmen eine einmalige Gelegenheit für die Stadt Stuttgart, da man nun sehr zentral wichtige Gebäude wie Schulen oder Museen errichten könnte", so Matthias Werwigk.

Anhand regelmäßiger Umfragen kann man sehen, dass sich der Ruf von Stuttgart 21 in letzter Zeit gebessert hat. Vom September 2010 ist der Anteil der Befürworter von 26 Prozent auf 54 Prozent im November 2010 gestiegen. Auch das mediale Interesse hat nach den Schlichtungsgesprächen unter der Führung von Heiner Geißler stark abgenommen. Nach einem kurzeitigen Baustopp während der Schlichtungsgespräche werden die Bauarbeiten an dem Projekt derzeit weitergeführt. Jedoch mit einigen Änderungen, die unter dem Namen "Stuttgart 21 Plus" bekannt sind. Wie sich das Projekt weiterentwickelt, bleibt abzuwarten, da es auch nach den Schlichtungsgesprächen noch immer überzeugte Gegner des Projektes gibt, jedoch werden so weitreichende Protestaktionen wie im letzten Jahr wohl ausbleiben.


Bild: © Jens Zehnder / PIXELIO