Besuch in der Informationszentrale Deutschlands

Schüler des Beruflichen Gymnasiums statten der "Frankfurter Rundschau" sowie der "F.A.Z." einen Besuch ab




Von Kurt Dunkel und Carsten Schumacher

Mit Erwartungen und vielen Fragen machten sich Schülerinnen und Schüler des ergänzenden Grundkurses Deutsch "Journalistische Werkstatt" mit ihrem Kursleiter Richard Guth am 30. 11. 2010 auf den Weg nach Frankfurt. Und dank einiger engagierter Journalisten wurde ihr Tag zu einer interessanten Reise in die Welt des Journalismus.



Trotz Kälte und Schnee fanden sich die Nachwuchsreporter am Morgen in den Räumen des angesehenen Tagesblattes "Frankfurter Rundschau" ein. Hier wurden sie von Lokalredaktionsleiter Lutz Fischer und seinem Team aus Spezialisten in Empfang genommen und durften sogleich einer Redaktionssitzung beiwohnen. Die Journalisten, die für den lokalen Teil des Blattes zuständig sind, berichteten ihrem Redaktionsleiter zunächst, welche Artikel sie für die nächste Ausgabe vorbereitet haben und auf welche Art sie diese einbringen würden. Darauf erhielten sie konstruktive Kritik, und das nicht nur von ihrem Chef, sondern auch von den anderen anwesenden Kollegen. So diskutierte das Team zum Beispiel über eine Bürgerbewegung, die sich gegen ein Obdachlosenheim formiere, ein Streitgespräch mit dem Frankfurter Ordnungsdezernenten über Jugendliche, denen eine Abschiebung drohe oder über die Abholzung des Auwaldes.



Anschließend verteilte Fischer spezifische Aufträge an seine Mitarbeiter, sofern diese sie nicht schon längst selbst auszuführen geplant hatten. Hierzu gehörten unter anderem das Führen von Interviews, das Beiwohnen einer Veranstaltung um am nächsten Tag aktuell darüber zu berichten.

Nachdem alle Redakteure den Raum verließen, nahm sich der erfahrene Journalist noch Zeit um die Fragen der Schüler ausführlich zu beantworten und ihnen damit einen Einblick in den Beruf eines Journalisten zu gewähren.

Durch den Besuch des "Handelsblatt" – Chefkorrespondenten Robert Landgraf an der Kinzig - Schule Mitte November war schon ein gewisses Hintergrundwissen über den Journalistenberuf bei den Besuchern vorhanden und so freute sich Redakteur Fischer über doch recht spezifische Fragen. Kirsten Trautmann wollte wissen, wie es um die "Flexibilität" der Redakteure stehe und inwiefern sie bei ihrer Arbeit an Vorschriften gebunden seien. Ein großer Teil der Fragen bezog sich allerdings darauf, wie man denn überhaupt zum fest angestellten Redakteur werden könne, welche Ausbildung oder welches Studium man abschließen, welche anderen Voraussetzungen man erfüllen müsse oder welche Talente und Fähigkeiten man haben sollte.

Des Weiteren wollten die Schüler wissen, wie die Zeitung sich selbst sehe, wenn man bedenke, dass ein nicht geringer Teil der Aktien der "Rundschau" der politischen Partei "SPD" gehöre, und inwiefern das die Mitarbeiter beeinflusse. Lutz Fischer widerlegte diese Vorurteile und erklärte, dass die Zeitung unter keinerlei Beeinflussung von außen stehe und wie die Konkurrenz auch beziehungsweise gerade wegen dieser unabhängig und qualitativ hochwertig berichten müsse.



Zuletzt wurde noch die Frage gestellt, wie es dem Blatt wohl in Zukunft ergehen werde, da das Internet als Plattform für viele deutlich attraktiver sei als eine handelsübliche Zeitung. Damit habe man sich schon intensiv befasst, meinte Fischer. Die "Frankfurter Rundschau" biete schon seit einiger Zeit probehalber eine Onlineausgabe ihrer Zeitung, unter anderem als "iPad – App", an und wolle so auch die Onlineleser täglich mit neuen Artikeln versorgen, so Redaktionsleiter Fischer.

Nach dem Gespräch gewährte der Redaktionsleiter der Besuchergruppe noch einen Einblick in die Arbeit im großen Redaktionssaal, Nachrichtenraum (Newsroom) genannt, wo alle Artikel zusammengetragen und die einzelnen "Bücher" miteinander verknüpft werden. Zuletzt verabschiedete Fischer Herrn Guth und seinen Kurs noch, bevor es für diese schon weiter zur nächsten Station ging...



… diese hieß "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Dort angekommen wurden die Kursmitglieder nach kurzer Verschnaufpause freundlich empfangen und zu einem großen Konferenzsaal einige Stockwerke höher im Verlagshochhaus an der Galluswarte geleitet.

Den Schülern wurde ein Kurzfilm präsentiert, der zeigte, wie die F.A.Z. zu dem Traditions- und Qualitätsblatt wurde, die sie heute ist. Mit Korrespondenten in aller Welt biete sie erstklassige Informationen wie keine zweite Zeitung. Dies bestätigte auch Rainer Blasius, Ressortleiter für "Politische Bücher", im anschließenden Redaktionsgespräch.



"Je ausgefallener der Fachbereich, desto interessanter sind Sie für die Zeitung", erklärte er, aber auch ein Talent fürs Schreiben und gute Sprachkenntnisse wären wichtig um sich als junge Redakteure bei der "Frankfurter Allgemeinen" zu beweisen. Denn beim Frankfurter Zeitungsverlag sind die meisten Korrespondenten über die ganze Welt verteilt. Zwar legt die Zeitung nach eigenen Angaben mit 45 Mitarbeitern für die Heimatzeitung, die "Rhein-Main-Zeitung", Wert auf Regionalität, der Großteil wäre dennoch auf Reisen rund um den Globus.

"Zeitung ist ein Geschäft ohne Gewinne", so Blasius, bei Kosten von 7.000 € pro Seite sei man froh keine roten Zahlen zu schreiben. Ein Hauptteil der Einnahmen würde über die Anzeigen verbucht, die etwa die Hälfte der Zeitungseinnahmen ausmachten. Durch diese Umstände hätte es seit fast einem Jahrzehnt keine Gehaltserhöhungen mehr gegeben, was den Verlag trotzdem nicht davon abhalten würde, so der Ressortleiter, sich mit Schülerabonnements am Projekt "Lesekultur an Schulen" zu engagieren. Seit jeher setze die F.A.Z. auf Qualität und den Anspruch ihrer Leser, was sie mit ihrer hohen Korrespondentenzahl mehr als beweise. So will man auch weiterhin nicht von diesem Kurs abweichen und sieht der Zukunft mit dem Internet als Informationsquelle, durch die über eine Million, meist überregionale Leser der F. A. Z., optimistisch entgegen.



Nach dem Redaktionsgespräch machten die Schüler einen letzten Abstecher zur Hausdruckerei der F. A. Z. in Mörfelden, pünktlich zum Druckbeginn der morgendlichen "Frankfurter Allgemeine".


Ortstermin in Frankfurt am Main

Journalistische Werkstatt des Beruflichen Gymnasiums auf Betriebsbesichtigung bei der deutschen Qualitätspresse



Von Studienrat Richard Guth, Leiter Journ. Werkstatt

Erfahrung zu sammeln bringt zwangsläufig die Bereitschaft mit, alt hergebrachte Vorurteile zu revidieren. Nicht anders erging es den beruflichen Gymnasiasten Nils Lieberknecht und Julian Zerzawy, die sich am 30. November 2010 mit ihren Mitschülerinnen und –mitschülern im Sitzungssaal der Lokalredaktion der "Frankfurter Rundschau" auf das Experiment "Blattkritik" eingelassen haben.

Dabei mussten sie feststellen, dass die linksliberale Tageszeitung alles andere als ein "SPD – Blatt" ist, sondern vielmehr ein Sprachrohr des (und für das) überregionale(n) Bildungsbürgertum(s).



Volksaufstand gegen das Obdachlosenheim


So erhebt das Blatt dennoch den Anspruch, wie die morgendliche Redaktionssitzung zeigte, die soziale Wirklichkeit, gerade in Stuttgart 21 – Zeiten, abzubilden, in diesem Falle durch einen Bericht über eine Bürgerbewegung in einem Frankfurter Stadtteil, die die Errichtung eines Obdachlosenheimes verhindern will. Dabei gehe es stets um Themen, so Redaktionsleiter Lutz Fischer, der das Amt vor kurzem von seinem Vorgänger Matthias Arning übernommen hat, die "die Leute berühren".

Wiederum zeigte sich an diesem Morgen die Redaktion von ihrer kämpferisch – kritischen Seite, als es um die Besprechung eines Interviews (nach den Worten des Redakteurs Klaus – Jürgen Töpfert ein "Streitgespräch") mit dem Frankfurter FDP – Ordnungsdezernenten Volker Stein, der sich nach eigenem Bekunden für abschiebungsbedrohte Jugendliche einsetzen würde, ging. "Man sollte das nachrecherchieren", so der Rat des Redaktionsleiters.














Grundqualität journalistischer Arbeit: Neugier


Neben diesen beiden Themen standen unter anderem Berichte über einen interaktiven Wahlatlas, Baumfällarbeiten im Auwalde, eine Ortsbeiratssitzung, Unterrichtsabdeckung an einem Frankfurter Gymnasium und die Vorlesung eines durch Schneetreiben verhinderten Professoren auf der Agenda. "Wir bauen die Zeitung des Tages", so erklärte Lutz Fischer die Funktion der allmorgendlichen Sitzung der Lokalredaktion und verwies dabei auf die größtmögliche Freiheit seiner Mitredakteure (120 an der Zahl, von festen über freie bis zu "entfernt freien"), die auf ihrem jeweiligen Gebiet über mehrjährige Erfahrungen verfügten.



Sie würden dabei ein "ganzes Themenbündel" betreuen und eigene Themenvorschläge der Redaktionsleitung unterbreiten. "Wenn es plausibel erscheint und den Leser interessiert", würde das Thema Aufnahme finden. Dabei bemühe sich Fischer nach eigenem Bekunden den "Maßstab" des neutralen Lesers anzulegen.

Dabei kannten Redakteure, so die Antwort des Redakteurs auf eine Frage der Schülerin Kirsten Trautmann, keine starren Arbeitszeiten. Die Arbeit als Journalist bedeute "mehr Arbeit als tarifvertraglich festgelegt, aber dabei auch mehr Freiheiten", so der erfahrene F.R.- Redakteur.



Freiheiten, in deren Genuss man nicht so einfach gelangen kann. Der Weg zum Redakteur ist steinig und langwierig. "Was man studiert, ist egal", so Fischer. Vielmehr komme es auf Praktika, Ausgefallenheit des Fachbereichs und Schreibfertigkeiten an. Die Redaktionen rekrutierten dabei den Nachwuchs aus dem Kreis von Volontären oder auch freien Mitarbeitern, die vorher drei – vier Jahre lang für die Zeitung arbeiteten. Dies ermögliche den Entscheidungsträgern zu beurteilen, ob sich der Kandidat eignet. Aber hier sei ein anschließendes Volontariat in vielen Fällen ein Muss.


Online verändert den Zeitungsmarkt


Der Eintritt in die neue Arbeitswelt verlangt ein Verständnis für das Onlinegeschäft. "Online wird dabei immer wichtiger, aber ist damit derzeit kein Geld zu verdienen", bestätigt die Erfahrungen von Robert Landgraf, Chefkorrespondent des "Handelsblattes", der Mitte November die Werkstatt besuchte. Die Hoffnung, die Onlineportale der Tageszeitungen würden sich durch Anzeigen finanzieren, hätten sich bis heute nicht erfüllt, so Fischer.













Ein größeres Potenzial meint Lutz Fischer bei iPad zu erkennen. Dabei würde die von der F. R. - Redaktion produzierte und für 0,79 Cent zur Verfügung gestellte App andere Schwerpunkte haben als Print und Online. Bei all der Entwicklung stellt sich die Frage nach der Zukunft der Zeitung, als Ausdruck der "Teilhabe an der Gesellschaft". Fischer rechnet in 20 – 30 Jahren mit einem ausgedünnten Zeitungsmarkt, was die Vielfalt beeinträchtigen würde. Trotzdem bleibt für ihn das Schöne an der journalistischen Arbeit, dass "jeden Tag eine neue Zeitung fertiggemacht wird". Dabei würden selbst Renner – Themen wie der erste Schnee des Jahres immer Potenziale für eine kreative Auseinandersetzung bieten.




"Größte Stärke": Das internationale Korrespondentennetz





Mehr Überregionalität und internationale Präsenz als die "Rundschau" zeichnet die zweite Frankfurter "Zeitung für Deutschland" aus, die die Werkstatt auch dieses Projektjahr besuchte. Dies, obwohl mit der "Rhein – Main – Zeitung", der 45 Redakteure angehören, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" durchaus auch auf Regionalität setzt. Dabei, so Prof. h. c. Dr. Rainer Blasius, Leiter des Ressorts "Politische Bücher", liege die große Stärke des führenden deutschen Tagesblattes in der Internationalität. Selbst "The New York Times" verfügt nach Angaben des Verlages nicht über ein so weitgezweigtes Korrespondentennetz wie die F.A.Z. mit Sitz in der Mainmetropole.













Dies ermögliche dem Verlag, so Blasius, auf eine Mindestanzahl von Agenturenmeldungen zurückgreifen zu müssen. Die Korrespondenten der F.A.Z. sind dabei oft "reisende Korrespondenten", die Länder in bestimmten Regionen aufsuchen würden, und dabei als Experten dieser Region mit Kontakten selber Signale in Richtung Heimatbasis aussenden würden. Junge Redakteure, mit speziellen Interessen und sprachlichen Voraussetzungen, könnten sich auf einen Posten im Ausland bewerben, erst einmal für fünf Jahre. Lang gediente und in die Zentrale zurückgekehrte Korrespondenten würden dann durch ihre Kontakte und Erfahrungen einen wertvollen Beitrag im Stammhaus leisten.



"Je ausgefallener der Fachbereich, desto interessanter sind Sie für die Zeitung", antwortete der Historiker und ehemalige Bundesbeamte Blasius auf eine Schülerfrage nach den Einstiegsmöglichkeiten bei der F.A.Z.. Dabei wähle man die Redakteure unter Spezialisten aus, was zur Folge hätte, dass bei der F. A. Z. "überpropotional viele Doktoren" arbeiten würden. Eine Verbindung von Sachverstand und Schreibfertigkeiten sorge für den Erfolg beim Leserkreis, so Dr. Blasius.


"Wir leben im Zeitalter der schwarzen Nullen"


Eine Tätigkeit, die im besonderen Maße durch Unabhängigkeit beziehungsweise Eigenständigkeit auszeichnete. Die Stiftungsform mit fünf Herausgebern, die für ihre jeweiligen Ressorts, bei der F.A.Z. "Bücher" genannt, stehen, hätte sich ausgezahlt. Die wirtschaftliche (wie auch politische) Unabhängigkeit der Tageszeitung, die heute eine Million Leser hat, zu drei Viertel überregional, hätte in der Vergangenheit hohe Opfer gefordert: So musste der Verlag 2000/2001 aufgrund der Krise des bis dahin lukrativen "Stellenmarktes" ein Drittel der Redakteure entlassen. Damals lebte die Zeitung zu zwei Drittel aus Einnahmen aus dem Anzeigenmarkt. Heute betrage dieser Anteil bei 40 – 50 (Ende der 1990er Jahre bis zu 200) Seiten immer noch rund 50 %. Die hohen Materialkosten von 7000 Euro pro Seite erforderten, dass eine einseitige Anzeige 39.000 Euro kostet. "Wir leben im Zeitalter der schwarzen Nullen", beschrieb die prekäre Situation auf dem deutschen Zeitungsmarkt der leitende Redakteur. In der Konsequenz hätte es in den vergangenen neun Jahren keine Gehaltserhöhungen in der Redaktion gegeben. Die wirtschaftliche Not hindert den Verlag nicht daran, wie das Beispiel des zweiwöchigen Kursabonnements zeigte, sich im Bereich "Lesekultur an Schulen" zu engagieren.
























Qualität ist Schlüssel des Erfolgs


Auf die Frage des Schülers Florian Happ hin, ob Internet das traditionelle Zeitungsgeschäft bedrohe, antwortete Blasius: "Wir fühlen uns nicht bedroht, wir müssen damit leben". Der leitende Redakteur bestätigte, ähnlich wie seine Kollegen beim "Handelsblatt" und bei der "F. R.", dass mit Online gegenwärtig kein Geld verdienen lasse.

So müsse die F. A. Z. als "Wirtschaftsunternehmen" weiterhin "auf Qualität setzen". Qualität, die gewährleistet werden soll durch das Vier – Augen – Prinzip: Jeder Beitrag wird von einem weiteren Redakteur gegengelesen.













Denn viel Zeit bleibt den Schreibern oft nicht: Der Arbeitstag eines F. A. Z. – Redakteurs wird markiert durch drei Termine: Neben dem ersten Redaktionsschluss um halb fünf durch zwei Redaktionssitzungen um halb elf und halb drei, auf denen Aufträge erteilt und Kommentarthemen festgelegt werden. Diese sollen in anderthalb Stunden korrekturfertig sein, denn die ersten Exemplare der F.A.Z. werden, wie der Besuch der Journalistischen Werkstatt des BG in der Druckerei des Societätsverlags in Mörfelden zeigte, bereits um halb sechs gedruckt.



Eine riesige Maschinerie setzt sich in Bewegung, damit der Zeitungsleser pünktlich zum Frühstück seine Zeitung in der Hand hält. Gut möglich, dass in Frankfurt sowohl die "Rundschau" wie die "Frankfurter Allgemeine". Denn Information trägt, jedenfalls bei deutschen Qualitätszeitungen, keine Farbe.