Von Menschen mit Knopf im Ohr

Der Einfluss von Musik in unserem Alltag auf Jung und Alt





Von Carsten Schumacher

Ich möchte ihnen hier weder etwas über die neuste Technologie in Sachen Abhörgeräte, noch über den aktuellsten Piercingschmuck erzählen, sondern von ganz normalen Menschen berichten, für die Musik ein wichtiger Teil im Leben ist. Denn vielen ist nicht bewusst, was für ein besonderer Bestandteil Musik im Alltag ist.

Schon im Mutterleib werden wir von Melodien und Musikstücken geprägt und erkennen diese sogar nach der Geburt wieder. "Der Herzschlag ist einer der ersten Rhythmen, die das Kind unbewusst wahrnimmt", so Professor Gunter Kreutz von der Universität Oldenburg in einem 2003 erschienenen wissenschaftlichen Sammelband. ".An diese wahrgenommenen Klänge kann sich das Baby später erinnern, die dann beruhigend oder erregend auf es wirken", so der Wissenschaftler. Weiter erklärt er, dass der werdende Mensch schon nach einer Lebensdauer von einem dreiviertel Jahr zwischen traurigen und fröhlichen Titeln unterscheiden könne.

--- Musik – Die Besonderheit im Alltag ---


Umfragen zufolge gibt es heute kaum noch Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 25, die keinen MP3-Player besitzen. Die meisten von ihnen benutzen ihn täglich bis zu einer Stunde um Wartezeiten oder Bus- und Autofahrten erträglicher zu machen. Welche Musik dabei gehört wird, ist im Grunde völlig belanglos, denn der Gedankengang aller Hörer ist oftmals derselbe. "Ohne Musik fühle ich mich irgendwie leer", beschreibt Torsten, ein 17-jähriger Schüler aus Hamburg. In einer Zeit, in der Musik neben Fernsehen und Internet ein vielgenutztes Medium ist um sich auszudrücken, möchte man darauf auch unterwegs nicht verzichten.

Aber auch in den vier Wänden ist der Musikkonsum in den letzten Jahren stetig gewachsen. Internetseiten zum Herunterladen von Titeln wie i-Tunes boomen und YouTube kommt kaum hinterher nicht ordnungsgemäße Veröffentlichung von Musik zu sperren. Egal ob zum Wachwerden, bei Langeweile, schlechter oder guter Stimmung – in vielen Lebenslagen wird zum Klangmedium gegriffen. "Selbst die Hausaufgaben klappen mit Musik einfach besser", bestätigt die 15-jährige Nadine.

Jedoch ist Musik nicht einfach nur ein Alltagsgegenstand, sondern tief mit unserer Gefühlswelt verbunden. Professor Bernd Schorb berichtet in einer Studie:"Die Gefühlslage der Jugendlichen bestimmt, welche Musik sie sich anhören". Man fand heraus, dass vor allem bei Liebeskummer und familiären Problemen die jeweilige Lieblingsmusik gehört wird.

--- Sprachrohr für Gefühle und Emotionen ---


Somit ist Musik eine wichtige Stütze im Leben, die besonders Jugendlichen in der Pubertät hilft ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Nur wie schaffen es Musiker immer wieder unsere Gefühle anzusprechen und diese zu treffen? "Die Kunst ist die Mischung aus Alt und Neu. Ein Song, der wie jeder andere klingt, langweilt den Hörer, zu viel Neues schreckt ihn dagegen ab", erklärt Musikwissenschaftler Hans-Joachim Maempel. Dies wird überwiegend in der Sparte der Chartsongs versucht, um möglichst viele Personen zu erreichen. "Jugendliche müssen von Musik mitgerissen werden, sie zum Tanzen und Mitsingen bewegen", erzählt Maempel weiter, was sie zur schwierigsten Zielgruppe machte. Doch auch der Konsum von Musik ist mit Vorsicht zu genießen

--- Nicht ohne Risiken ---


Denn nach dem Motto "Musik muss laut sein, damit sie gut ist" hören viele junge Menschen Musik. Die EU-Kommission schaut seit Jahren mit Besorgnis auf die steigende Zahl von Hörschäden bei unter 30-Jährigen. Die meisten Abspielgeräte lassen sich weit über die 100 Dezibelgrenze aufdrehen, einem Bereich, dem man sein Gehör nur für etwa eine halbe Stunde in der Woche aussetzen soll. Da die Schäden erst nach etwa fünf Jahren zu erkennen sind, hört der Großteil der Jugendlichen einfach drauf los.

Das Tückische an der lauten Musik ist, dass wir mit ihr ein positives emotionales Erlebnis verbinden und sie so als angenehmer empfinden als beispielsweise einen Presslufthammer, der in etwa denselben Lärm erzeugt. Ungefähr eine Millionen junge Menschen in der EU könnten in Zukunft von einer schweren Hörschädigung beeinträchtigt sein.

Das bestätigt Professor Dr. Hasso von Wedel, Leiter der HNO-Abteilung der Uniklinik Köln, in seinem im Heft 29 der Reihe "Gesundheitsberichterstattung des Bundes" veröffentlichten Beitrag: "Die Problematik wird eindeutig unterschätzt, da die Symptome oft erst nach Jahren auftreten können. Deutschland ist in diesem Bereich noch nicht aufgeklärt. Da die Folgen wie Tinnitus oder Hörverminderung in der Regel nicht reparabel sind, gilt es hier dringend zum Schutz der Jugendlichen aktiv zu werden."

--- Der etwas andere Knopf im Ohr ---


Der Schaden, der entsteht, ist einfach erklärt: In unserem Ohr sind empfindliche Haarzellen, die elektrische Impulse an das Gehirn weitergeben. Wenn diese einmal Schaden nehmen, heilen sie weder, noch wachsen sie nach. Als Metapher gibt Wedel: "Das funktioniert wie im Kornfeld: Bei leichter Brise werden die Halme nur gebogen – bei Sturm knicken sie ab."

In den letzten sechs Jahren sind die Ausgaben der Krankenkassen für Hörsysteme von Kindern und Jugendlichen um 30% gestiegen. Somit wird geschätzt, dass ein Viertel der 16- bis 24-Jährigen an einem Hörschaden leiden. Wobei die Dunkelziffer weitaus höher liegen könnte, denn das Hörgerät hat, da es mit Alter und Gebrechen assoziiert wird, ein schlechtes Image. So entscheiden sich im Durchschnitt die Menschen mit Hörminderung erst nach 10 Jahren für eine Hörhilfe. Wobei heute schwerhörig nicht gleich alt heißt – nur etwa ein Drittel der 13 Millionen Hörgeschädigten in Deutschland sind im Rentenalter.

--- Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum ---


An dieser Stelle will ich jedoch das Hören von Musik nicht weiter schlecht machen, denn Musik ist etwas Wunderbares oder besser gesagt: "Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, so gebt mir mehr". Und das will etwas heißen, wenn es schon Shakespeare wusste.

Nur sollte man sie mit Bedacht genießen, um nicht unsere Gesundheit zu gefährden und sie so vielleicht nie wieder zu hören. Ansonsten ist Musik etwas sehr Gesundes, denn egal welche Musikrichtung man nun mag, das Ergebnis bleibt das Gleiche: Das Gehirn wird angeregt und Glückshormone werden ausgeschüttet.

Und wie Torsten denkt, denken wohl viele: "Ein Leben ohne Musik geht gar nicht."

Karikatur: © Stefan Bayer / PIXELIO