Mangelnde Integration

Fehlende Bereitschaft der Migranten oder ein Versäumnis der Politik?





Von Stephan Denhard

Die Frage, warum Menschen wandern, scheint einfach zu beantworten zu sein. Menschen wandern, weil sie arm sind, weil sie keinen Job, kein Einkommen und keine Perspektiven haben. Warum stehen Migranten dann jedoch auch in Deutschland nicht selten ohne Job und Perspektive da? Doch wer ist Schuld daran? Sind es die Einwanderer selbst oder die deutsche Integrationspolitik?

Hauptgrund für mangelnde Integration ist laut führender Politiker die fehlende Bildung. Bei der Frage, wer Schuld an der fehlenden Bildung ist, streiten sich die Geister. Ein Teil der Gesellschaft macht die betroffenen Migranten aufgrund von fehlender Leistungs- und Anpassungsbereitschaft selbst dafür verantwortlich. Ein anderer, nicht geringerer Teil, sieht die Verantwortung beim deutschen Bildungssystem. Thilo Sarrazins Auffassung über "genetisch vererbte Dummheit" bei muslimischen Migranten teilt wohl eher nur eine sehr geringe Minderheit.

Die Befragung verschiedener Migranten weist schon sehr deutlich auf die Probleme bei der Integration hin. "Ich habe das Glück, dass meine Eltern versuchen sich voll zu integrieren, sich an die deutsche Kultur anpassen und diese auch leben wollen. Dadurch wurde es auch für mich wesentlich einfacher mir eine Zukunft mit Perspektiven zu schaffen", sagt Masood A., ein Jurastudent pakistanischer Abstammung aus Frankfurt. "Dadurch, dass wir von Anfang an immer versucht haben deutsch zu Hause zu reden, hatte ich in der Schule auch so gut wie keine Probleme mit der Sprache", erzählt er weiter.

Die Bedeutung der elterlichen Unterstützung, vor allem auch in schulischer Hinsicht, wird durch eine Studie des Deutschen Institutes für Internationale Pädagogische Forschung (Frankfurt a.M.) bestärkt. Bei der Suche nach Gründen für mangelnden Schulerfolg von Migrantenkindern wurden Schulleiter an verschiedenen Frankfurter Schulen befragt. Als Hauptgrund wurde das sozio-kulturelle Bildungsmilieu der Betroffenen genannt. Fehlende bzw. mangelnde elterliche Unterstützung, Orientierung der Eltern an Bildungsvorstellungen des Herkunftlandes standen an oberster Stelle und zeigen ebenfalls die Wichtigkeit der elterlichen Anpassung auf. Als zweiten Grund für den mangelnden Schulerfolg wurde das Bildungsverhalten der Schüler genannt. Anderes Lern- und Leistungsverständnis, aber auch fehlende Bereitschaft sind dafür verantwortlich. Jedoch wurden als weitere Problemquellen auch die Lehrerkompetenz, die Qualität der Unterrichtsmaterialien und das Bildungssystem definiert.

Für die genannten Problemquellen gilt es Lösungswege zu finden. Beispielsweise sollte die Kooperation zwischen Schulen und Eltern anderer Herkunftssprachen verbessert werden. Innovative Kooperationsformen wie die Einbindung der Eltern in Unterrichtsprojekte beziehungsweise Projekttage sollten häufiger angeboten werden. Mit dem Ziel, die Eltern auch dazu zu befähigen, die schulische und berufliche Integration ihrer Kinder zu unterstützen, werden an einer Frankfurter Gesamtschule zwei Projekte "Mama lernt Deutsch – Papa auch" wie "Ausbildungsorientierte Elternarbeit" angeboten. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten der Projekte fänden diese jedoch immer mehr Beachtung und verbreiteten stets positive Erfahrungen, so die Zwischenbilanz der Projektbeteiligten. "Vorher haben meine Eltern nur türkisch zu Hause geredet. Jetzt versuchen sie so gut und so oft es geht deutsch zu sprechen. Das hilft mir in der Schule weiter", wird in der Studie Ali G., Schüler der 5. Klasse in der Förderstufe, zitiert. Grund genug solche Projekte zu fördern.

Zudem werden zu solchen Projekten auch schulexterne Lehrerfortbildungen zu interkulturellen Themen zahlreich angeboten. Jedoch finden diese bis jetzt leider kaum Berücksichtigung. Lediglich 1 % der Lehrer in Hessen nehmen solche Angebote wahr. Der Gedanke einer "verpflichtenden Fortbildung" klingt daher logisch, zumal die wenigen Erfahrungen solcher Fortbildungen sich ausschließlich positiv auf den Unterricht auswirkten. Weitere sozio-kulturelle Möglichkeiten zur Verbesserung der Bildungssituation könnten laut der befragten Schulleiter die Einbindung von Schulpsychologen, welche mit anderen Sprachen und Kulturen vertraut sind, sein. Eine verstärkte Einstellung von Lehrern mit Migrationshintergrund, welche auch als Kulturvermittler dienen können, würde es den Migranten im Unterricht wohl ebenfalls um einiges leichter machen.

Bei der Verbesserung des Bildungssystems sollte man sich ein Beispiel an anderen Staaten nehmen. Beispielsweise könnten gut organisierte Ganztagsschulen wie in Frankreich ein Weg zur Besserung sein, schlägt ein aus Frankreich stammender Schulleiter vor. Schweden zeichnet sich durch Frühförderung der Kinder aus. Jedes 3. Kind zwischen einem und fünf Jahren geht zur Vorschule. Da die frühzeitige Selektion nach Bildungsgängen bzw. Schulformen massiv in der Kritik steht, sollte wohl über eine Neuordnung nachgedacht werden.

Die geschilderten Probleme der Schulleiter gilt es in Zukunft anzufechten und abschließend bleibt zu erwähnen, dass die Gründe für fehlende Integration bzw. Bildung sowohl bei den Migranten an sich aber auch bei der deutschen Bildungs-/Integrationspolitik liegen. Man kann jedoch keiner der beiden "Parteien" die Schuld vollkommen zuweisen, denn für eine erfolgreiche Integration muss "an einem Strang" gezogen werden. Erst einmal muss bei den Migranten der Wille vorhanden sein, sich integrieren und anpassen zu wollen. Der Staat muss seine Bildungspolitik, welche letztendlich das Fundament einer vollkommenen Integration bildet, überdenken und neue, verbesserte Bildungssysteme und Bildungsmöglichkeiten bieten. Jedoch müssen diese auch von den Migranten angenommen und genutzt werden, sonst sind diese zwecklos. Frei nach dem Motto "Probieren geht über Studieren" bleibt zu hoffen, dass die Bildungsinstitute die vorhandenen Ideen zur Verbesserung und zur Vereinfachung der Bildung beziehungsweise Integration von Migranten in die Tat umsetzen.


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