Lebendigkeit ist mehr als nur Ausdruck von Lebensfreude

Handelsblatt – Chefkorrespondent diskutiert mit BG - Schülern Wege zum journalistischen Erfolg



Von Dominique Zari und Richard Guth, Journ. Werkstatt

Es liegt in der Regel im Auge des Betrachters, ein journalistisches Schreibprodukt als gelungen, weniger gelungen, gar misslungen zu bewerten. Dabei stellt sich die Frage, ob es den guten Artikel überhaupt gibt. Eine gehörige Portion Talent sei wohl unerlässlich, so Robert Landgraf, um journalistisch erfolgreich zu sein, dabei gäben Erfahrung und Übung in der Sache nach Meinung des Profis aber doch den Ausschlag. Lebendigkeit spiele bei allem eine entscheidende Rolle, eine Lebendigkeit, die in diesem Falle nicht nur Ausdruck von Lebensfreude ist.



Eine Erkenntnis, die Robert Landgraf, Chefkorrespondent des "Handelsblattes", im Rahmen seines vierten Besuches am 16. November 2010 bei der Journalistischen Werkstatt des Beruflichen Gymnasiums der Kinzig – Schule den versammelten Jungredakteuren zu vermitteln versuchte.

Der leitende Redakteur gewährte den Schülerinnen und Schülern an diesem Tag Einblicke in den Beruf eines Journalisten sowie in die Funktionsweise der Wirtschaftszeitung "Handelsblatt", und gab außerdem Tipps, wie man lebendige und ansprechende Berichte verfasst, mit auf den Weg.













Nach einer herzlichen Begrüßung durch Schulleiter Herrn Studiendirektor Karsten Günder betonte der Chefredakteur, wie viel Freude es ihm bereite, in unser Berufliches Gymnasium zu kommen. Seinen Beruf übt er nach eigenen Angaben bereits seit 25 Jahren aus. Auch er müsse früh aufstehen wie die Schüler des Beruflichen Gymnasiums, fügte Landgraf schmunzelnd zu. Dabei dauere sein Arbeitstag bis zu zwölf Stunden, so räumte er bereits am Anfang mit dem Mythos des behäbigen Spätaufsteher - Journalisten auf.



Journalisten, die als Macher einer Zeitung nicht nur in der Zentrale sitzen würden: Landgraf berichtete, dass seine 150 Kollegen in "allen Herren Ländern" präsent seien, zum Teil als fest angestellte Korrespondenten, zum Teil als freie Mitarbeiter, sei es in Peking, London oder Neu - Delhi.

Der Tag eines "Handelsblatt" - Journalisten beginne mit einer Morgenkonferenz, in der die Top - Themen des Tages gewichtet würden. Der Vormittag diene der Recherche und einer Vorauswahl von Themen. Später treffe man sich wieder in einer Mittagskonferenz, um die wichtigsten Themen, Entwicklungen zu besprechen.



Eine reibungslose Kommunikation zwischen den Dienststellen und der Hauptstelle in Düsseldorf wären dabei sehr wichtig, betonte Landgraf. Hier würde das Internet eine große Rolle spielen, da es die Kommunikation vereinfache, so Landgraf. Die Internetpräsenz sei dabei auch für die Leser des "Handelsblattes" von Vorteil. Ebenso sei die Optik des Blattes von großer Bedeutung, denn sie soll das Interesse des Lesers wecken. Für Leser sei es entscheidend, "wichtige Dinge mit dem Auge erfassen zu können", so Landgraf. In der "Grünen Hölle", benannt nach der Farbdekoration des Raumes, würden die journalistischen Produkte dann von "Desk – Kollegen" in Empfang genommen; diese sorgten im Anschluss daran für sachlich und sprachlich korrekte Berichte.



Dabei befinde sich die Zeitung in einem ständigen Veränderungs- und Erneuerungsprozess. Das "Handelsblatt" bemühe sich, Veränderungen am Geschäftsmodell vorzunehmen, gar dieses auf die Bedürfnisse einer Online- Gesellschaft umzustellen, nicht zuletzt wegen "abbröckelnder Auflagen". Als Hauptproblem sieht Landgraf die fehlende Bereitschaft vieler Konsumenten, "Geld für Informationen zu bezahlen, die Geld kosten". Die iPad – Revolution bewertet Landgraf als eine Möglichkeit für Verlage, neue Leser zu erreichen. Ob es damit Geld verdienen lässt, vermag der leitende Redakteur noch nicht so richtig einzuschätzen: Nicht zuletzt verlange Betreiber Apple bis zu 40 % Nutzungsgebühren.



Nach der Vorstellung aktueller, gelungener und weniger gelungener, "Handelsblatt" - Beiträge, die das Verständnis der Schüler für Grundsätze journalistischen Schreibens wecken sollte, widmete sich Landgraf Schülerartikeln, die aus den Federn von vier Mitgliedern der Journalistischen Werkstatt stammen: von Elena Hubert, Mareika Strott, André Bernatek und Fabian Fehl. Besonders Elena Huberts Bericht wurde als positives Beispiel für gelungene Berichterstattung hervorgehoben. Elena beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit dem sozialen "Projekt Petra", eine Maßnahme, in schwierigen Lebenslagen Menschen Hilfe zu bieten.



An den Schülerberichten zeigte Landgraf Möglichkeiten auf, wie man einen Artikel noch besser verfassen könnte. Wichtig sei es, dass die W – Fragen (Wo, Wer, Wann, Wie) beantwortet würden. Ebenso sollte jeder Artikel O – Töne enthalten, denn diese sorgten für eine gelungene Stilform. Dabei komme es darauf an, "lebendig" zu schreiben, unter anderem durch den Einsatz von Verben, durch aktive, kurze Sätze und konkrete Beispiele. Dabei sollen Ansprechpartner, möglichst viele, die eigene These untermauern. Genauso hob Landgraf die Bedeutung eines gelungenen Einstiegs, um "den Leser bereits am Anfang mitzunehmen" und die eines "Rausschmeißers", der den Beitrag abrundet, hervor.














Denn Artikel sollen durch Lebendigkeit Interesse und Aufmerksamkeit erwecken. Ein Anspruch, der im Falle des Projekts "Journalistische Werkstatt" immer auch einen pädagogischen Zweck erfüllt. Das Beispiel des Robert Landgraf zeigt, dass mit Talent, Herzblut und Erfahrung das bislang unbekannte Terrain "Journalismus" einem im Laufe der Zeit vertraut wird. So verbindet sich die Lebendigkeit eines Schreibprodukts womöglich doch noch mit Lebensfreude des Verfassers.