"Das Leben auf der Straße bedeutet für mich Freiheit!"

Über den täglichen Kampf obdachloser Menschen in Frankfurt





Von Hanna Seipel

Samstagabend gegen 21:00 Uhr. Langsam leert sich die U - und S - Bahnstation an der Hauptwache. Die Menschen tummeln sich auf den Bahnsteigen, um noch rechtzeitig ihren Zug zu erreichen und heimwärts zu fahren. Die einen essen noch die letzten gebrannten Mandeln aus der großen Packung, die sie auf dem Weihnachtsmarkt erworben haben und begutachten die tollen Geschenke, die sie für ihre Familie gekauft haben. Andere weiten die Krawatte ihres Anzugs, knöpfen ihr Hemd ein Stückchen auf und freuen sich auf den verdienten Feierabend.

Doch schaut man genauer hin, entdeckt man Menschen, die nicht in Züge steigen wollen, die sich auf kein warmes Zuhause freuen können. Leute, die mit einem Rucksack, Plastiktüten, alten Decken oder Schlafsäcken bepackt sind und durch die kalten Gänge laufen. Zu ihnen gehören die Obdachlosen, die in Richtung B-Ebene der U- und S – Bahn – Station ziehen, um dort ihr Schlafquartier für die Nacht aufzuschlagen. Seit November ist die beheizte Ebene extra für Menschen ohne Heimat geöffnet und bietet jede Nacht für ca. 40 Männer und Frauen einen beliebten Schlafplatz.

Auch Erwin breitet seinen Schlafsack in einer der dunklen Ecken aus und bereitet sich auf die bevorstehende Nacht vor. "Hier hat jeder seinen festen Platz", erklärt der Mann durch seinen rauen, verkrusteten Bart. Was Erwin in seinem Leben schon alles durchgemacht hat, kann kein normaler Mensch auch nur erahnen. In seinen Augen sieht man, dass er langsam müde wird, von dem Kampf, den er täglich führen muss. "Ich bin das Leben auf der Straße gewohnt, doch der Winter macht einem schon zu schaffen", berichtet Erwin. Da kommen ihm Möglichkeiten wie die beheizte Ebene nur gelegen. Hier kann er sicher sein, dass er sich ungestört aufhalten kann und von keinem weggeschickt wird. Hier findet er ein kleines Zuhause, zumindest an kalten Tagen.

Fachleuten zufolge sind im vergangenen Jahr mindestens 16 Menschen auf Deutschlands Straßen erfroren. In Frankfurt müssen in diesem Winter noch mehr Obdachlose als im vergangenen Jahr mit der eisigen Kälte klarkommen. Rund 2150 Leute sind, laut Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld, derzeit in der Großstadt wohnsitzlos gemeldet. Die Dunkelziffern liegen deutlich höher. Der vorherrschende Winter und die eisigen Temperaturen sind für die Menschen lebensgefährlich. Deshalb ist die Stadt Frankfurt bemüht, die Bedrohung durch die Kälte vorzubeugen und den Obdachlosen das Leben auf der Straße so erträglich wie möglich zu machen. Damit die Menschen nicht auf der Straße schlafen müssen, gibt es in der ganzen Stadt Notunterkünfte und spezielle Wohnheime für mindestens 2200 Menschen. Trotzdem gibt es immer noch Personen, die, trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt, diese Unterkünfte nicht in Anspruch nehmen und die Nächte auf der Straße verbringen. "Wir zählen jede Nacht um die 75 Personen. Insgesamt werden es aber um die 100 sein, die die Nächte im Freien verbringen", sagt Sozialarbeiterin Christin Gold mit einem besorgten Gesicht. Um diesen Menschen im Winter zu helfen ist zusätzlich von November bis April der so genannte Kältebus unterwegs.

Dieser Bus des Frankfurter Vereins für soziale Hilfsstätten ist seit 19 Jahren jede Nacht, von 21:00 - 5:00 Uhr, im Einsatz. Sozialarbeiter versorgen die Bedürftigen jede Nacht mit Decken, Isomatten, Schlafsäcken, heißem Tee und warmen Worten, um sie vor dem Erfrieren zu schützen. Außerdem bieten sie den Männer und Frauen die Unterbringung in Notunterkünften an. Der Kältebus arbeitet eng mit der Einrichtung im Ostpark zusammen. Diese Unterkunft hat 180 Schlafplätze und die Möglichkeit zu duschen und in einem warmen und trockenen Bett zu übernachten.

"Das Problem ist, dass viele nicht mitkommen wollen und sich nur auf der Straße versorgen lassen", erklärt Streetworker Gerd Schwarz. Viele weigern sich und können, aufgrund von psychischen Erkrankungen, nicht in geschlossenen Räumen übernachten. Andere haben starke Alkoholprobleme. Erwin ist ebenfalls so ein Kandidat. Für ihn bedeutet das Leben auf der Straße Freiheit und er kann sich nicht vorstellen in einem der Wohnheime zu nächtigen.

Die Sozialarbeiter kennen die festen Schlafplätzte der Obdachlosen und fahren zu bestimmten Zeiten diese Orte an. So halten sie täglich um 22:00 Uhr an der B-Ebene und versuchen dort, durch die heißen Getränke, Kontakt zu den Menschen herzustellen. Sie wollen Vertrauen gewinnen, um die Bedürftigen davon zu überzeugen, von ihren Grundsätzen abzuweichen und die Nacht in einer Unterkunft zu verbringen. "Für uns ist es schon ein Erfolg, wenn wir nur einen einzigen umstimmen können und er mit uns kommt", so Schwarz. Auch Erwin wartet jeden Abend auf den Kältebus, um sich einen heißen Tee abzuholen und ein paar Worte mit den Streetworkern zu wechseln. Er wärmt sich seine dreckigen, aufgerissenen Hände an dem Pappbecher und erzählt: "Wir sind froh, dass es den Bus gibt und wir jeden Abend unsere Tasse Tee und eine warme Decke bekommen." Er verweilt noch eine kurze Zeit mit den Streetworkern und trottet dann, mit der Decke unterm Arm, zu seinem Schlafplatz. Bevor er sein Quartier erreicht hat, dreht er sich noch einmal um und ruft: "Bis morgen!"

Der nächste Morgen rückt näher und die ersten Sonnenstrahlen finden ihren Weg durch die grauen Schneewolken. An der Hauptwache herrscht schon ein reges Treiben und die Obdachlosen packen ihr Hab und Gut zusammen. Wenn die Menschen zu ihren Arbeitsplätzen pendeln, müssen die Obdachlosen ihr Nachtlager verlassen. Voller Ungewissheit brechen die Männer und Frauen auf und stellen sich Tag für Tag einem neuen Kampf gegen die Kälte.


Bild: © Viktor Schwabenland / PIXELIO