Bildungsauftrag: Inklusion

Veränderung der Schullandschaft im Bergwinkel





Von Kirsten Trautmann

Tim ist seit seiner Geburt lern- und entwicklungsbehindert. Eine medizinische Ursache findet sich nicht. Er hat zwei Geschwister. Der ältere Bruder ist ihm entwicklungsmäßig weit überlegen. Die gut 1 ½ Jahre jüngere Schwester hat ihn in vielen Dingen wie dem Fahrradfahren längst überholt. Nachdem sein Opa ihm sagt, dass er erst dann wieder zu ihm könne, wenn er auch Fahrrad fahren würde, schlägt Tim auf seine kleine Schwester ein. Er zeigt auch im Kindergarten schon ein hohes Aggressionspotential. Seine Mutter bewirkt, dass Tim auf eine Lernhilfeschule kommt.

Seit März 2009 sind die Rechte von Menschen mit Behinderung im inklusiven Bildungssystem in § 24 der UN-Konvention niedergeschrieben. Demnach sollen alle, unabhängig von ihren Fähigkeiten und Beeinträchtigungen, die Chance haben, miteinander und voneinander zu lernen. Gleiches Recht für alle – Recht auf gleiche Bildung und das nicht nur für körperlich oder geistig Behinderte. Die Idee ist ein Schulsystem, das individuell fördert und sich nach den Stärken, Bedürfnissen und Erfordernissen jedes einzelnen Kindes unserer vielschichtigen und multikulturellen Gesellschaft ausrichtet. Das gegliederte Schulsystem wird in Frage gestellt, Förderschulen sollen abgeschafft werden, alle in einer Schule zusammen unterrichtet werden. Die Kinder sollen lernen, "dass menschliche Unterschiede normal sind", so die UN-Weltkonferenz in der Erklärung von Salamanca 1994.

Um dies durchzusetzen soll die Schul- und Lernstruktur erheblich verändert werden. Ganztagsschulen sollen eingerichtet werden, um jedem Kind einen rhythmischen und strukturierten Tagesablauf zu sichern. "In der Lernhilfeschule hat Tim eine individuelle Förderung in kleinen Schritten erfahren und war Teil einer festen Struktur. Dieses förderte sein Selbstwertgefühl", äußert sich Tims Mutter. Genau das ist auch ein angestrebtes Ziel der Inklusion, nur dass Kinder wie Tim dann diese Förderung in einer Gesamtschule mit nichtbehinderten Mitschülern erfahren würden. Dafür sollen kleinere Lerngruppen entstehen, die das durch Fortbildungen geschulte Fachpersonal besser überschauen und dadurch individueller fördern kann. Lehrer, Sozialpädagogen und Therapeuten sollen in die Schulleitung mit eingebunden werden und gut ausgebildete Mitarbeiter in Unterstützungszentren zur Verfügung stehen.

Eigenverantwortliches und selbstorganisiertes Lernen sollen am Ende als Sozialformen stehen, bei dem die individuelle Förderung durch geschultes Personal gesichert ist. Außerdem soll es außerschulische Kooperationspartner geben, die den Einstieg in die Berufswelt und Kontakte zu Sportvereinen für die Freizeitbeschäftigung vereinfachen. Dafür benötigt man längerfristige Partner, mit denen Koordination, Kooperation und Dialogführung möglich ist, damit Inklusion in allen Bereichen des Lebens, besonders auch in der Berufswelt, stattfindet. "Mich will ja keiner. Die meinen alle, ich kann nichts", sagt Tim in Bezug auf seine Situation nach der Schule. Diese steht damit deutlich im Widerspruch zu seinen innerschulischen Erfahrungen, wo er durch gute pädagogische Arbeit immer wieder vermittelt bekommen hat, dass auch er was wert ist und was kann.

All die angestrebten Ziele der Inklusion brauchen deshalb einen guten schulischen Rahmenplan, damit sie in jedem Bundesland umgesetzt werden können. Hierfür "müssen sich Bund und Länder rechtsverbindlich festlegen", so Pädagogen und Kultusministerium im Gespräch mit der IHS (Interessengemeinschaft Hessischer Schulleiter). Im Klartext heißt das: Die Gesetze müssten dementsprechend geändert werden, eine Individualisierung in allen Rechts- und Verwaltungsvorschriften stattfinden und Übergangspläne erarbeitet werden. Diese Veränderung muss langsam eingeleitet werden, durch Öffentlichkeitsarbeit soll Inklusion in das Bewusstsein der Leute geholt werden und ihnen dann nähergebracht werden. Das alles aber benötigt finanzielle Mittel. Woher das verschuldete Deutschland diese nehmen soll, wissen weder Befürworter noch Gegner der Inklusion. Wo soll angefangen werden mit der Umstrukturierung und wo aufgehört? Und noch viel wichtiger – was bedeutet das für jeden einzelnen?

Inklusion – Integration – Isolation ?

Im Altkreis Schlüchtern wären die Auswirkungen der Inklusion enorm. Momentane Strukturen würden sich ändern, neue Vorraussetzungen müssten geschaffen werden. Schülerinnen und Schüler, die bisher in der Sprachheilschule Sterbfritz, der Schlüchterner Heinrich-Hermann-Schule, einer Schule für Praktisch Bildbare, und der Bergwinkelschule, einer Lernhilfeschule, unterrichtet wurden, sollen demnach in allgemeinbildende Schulen aufgenommen werden, beginnend mit der Grundschule.

Im Kreis Offenbach haben Grundschulen beispielsweise bereits mit der Inklusion begonnen. Die Konrektorin der Haupt- und Realschule in Kleinkrotzenburg, B. Ackermann, berichtet nach einer Schulleiterdienstversammlung, dass in den Klassen mit 25 Grundschulkindern die Lehrerinnen und Lehrer neben Kindern mit sehr unterschiedlichen kulturellen und familiären Hintergründen jetzt auch noch drei lernbehinderte Kinder wie Tim zu unterrichten haben. Der Anspruch ist, alle Kinder individuell zu fördern und ihnen gleiche Chancen auf Bildung zu geben. Um diesen Anspruch annähernd erfüllen zu können, haben die Lehrkräfte jeden Nachmittag Konferenzen, Gespräche mit Unterstützungsinstitutionen und Beratungsgespräche mit Kolleginnen und Kollegen der Lernhilfeschule, die sie vier Unterrichtsstunden in der Woche unterstützen. Unterricht muss in diesen Klassen so vorbereitet werden, dass auch intelligente Schülerinnen und Schüler individuell gefördert werden, um einen Übergang auf weiterführende Schulen bewältigen zu können.

"Wir haben viele Schüler, die durch eine individuelle Förderung und gute Rahmenbedingungen mehr erreichen könnten, sowohl im unteren wie auch im oberen Intelligenzbereich", bestätigt auch eine Lehrerin der Stadtschule Schlüchtern. Die Schule kooperiert bereits seit einigen Jahren mit der Sprachheilschule in Sterbfritz. Schülerinnen und Schüler wechselten nach der 4. Klasse von der Sprachheilschule in die Hauptschulklasse der Stadtschule. Durch diese Integrationsmaßnahme sinke die Schülerhöchstzahl bei der Klassenbildung. Je nach festgestelltem Förderbedarf werden die "Sprachheilschüler" zusätzlich, möglichst aber auch im Klassenverband und mindestens zwei Stunden in der Woche, von einer speziellen Förderschullehrerein betreut. Von diesem Teamteaching in kleinen Gruppen profitierten nach Angaben der Schule alle Schülerinnen und Schüler. Dieses zeigte auch Erfolge, weil weniger Schüler von mehr Lehrkräften beobachtet würden. So soll ein Schüler der Sprachheilschule, der in der 5. Klasse der Hauptschule durch aggressives Verhalten aber auch guten Lernleistungen auffiel, zum Probeunterricht in eine Realschulklasse umgesetzt werden können. Kontinuierlich betreut durch seine Förderschullehrerin zeigten sich auch weiterhin gute Lernergebnisse in der neuen Klasse und weniger Aggressionen, da der Schüler mit seinem "Lernen" genug ausgelastet worden wäre. ''Der Schüler E. nimmt inzwischen ohne spezielle Fördermaßnahmen am Unterricht der Regelklasse teil. Er ist integriert worden'', so die 2. Konrektorin der Stadtschule Schlüchtern, B. Trautmann.

Inklusive findet hier also schon individuell statt, bedingt durch gute Kooperation der verschiedenen Schulformen untereinander und der Ausschöpfung aller möglichen Ressourcen. ''Diese Ressourcen aber werden zu selten ausgeschöpft und vor allem zu wenig zur Verfügung gestellt. Das Konzept der Inklusion stößt da auf seine Grenzen'', so B. Trautmann weiter. Um körperbehinderten Kindern in einer Regelschule gerecht zu werden, braucht diese finanzielle Mittel für dauerhafte Betreuungsmaßnahmen und behindertengerechte räumliche Gestaltung. Diese Mittel stünden momentan noch nicht zur Disposition. Dadurch gibt es in unserem Schulsystem zu wenig Personal, zu viele Schüler und unüberwindbare Barrieren für die Behinderten. "Ein Kind im Rollstuhl kann an unserer Schule nicht in alle Räume gelangen. Dadurch wird es ausgeschlossen, die eigene Behinderung wird deutlicher als zuvor'', so die einhellige Kritik der Schulen. Lehrerverbände fürchten, dass die Inklusion ein weiteres Bildungssparmodell werden soll und dadurch die eigentlichen positiven Ziele der UN-Konvention nicht erreicht würden.

"Die Idee der Inklusion stößt durchaus auf Befürworter. Es gibt derzeit für den Bergwinkel nur noch kein umsetzbares Konzept", sieht auch die Schulleitung der Stadtschule Schlüchtern. Sie nimmt teil an gemeinsamen Schulleitungsgesprächsrunden der Grundschulen und Lernhilfeschulen des Bergwinkels. Diese, als zuerst Betroffene der Inklusion, entwickeln Konzepte, die Inklusion, Integration und individuelles Lernen ermöglichen könnten, ohne dass die Notwendigkeit von Lernhilfeschulen in Frage gestellt wird. Inklusion soll im Bergwinkel als "Einbeziehung, Einschluss, Einbeschlossenheit" des Individuums "Kind" entsprechend seiner Persönlichkeit gesehen werden, so dass dieses entsprechend in der richtigen Schulform mit Unterstützung des Elternhauses gefördert würden. Dabei sollen auch das Ulrich-von-Hutten-Gymnasium und das Berufliche Schulzentrum mit einbezogen werden. Dadurch wird erkennbar, dass Inklusion für die Schulentwicklung im Altkreis Schlüchtern durchaus von Relevanz ist und sein wird.

Alle Schulen des Bergwinkels kooperieren in vielen Bereich bereits gut miteinander, denn, darüber sind sich alle Schulen einig: "Wir haben viele Schüler, die durch eine individuelle Förderung und gute Rahmenbedingungen mehr erreichen könnten, sowohl im unteren als auch im oberen Intelligenzbereich." Das föderal strukturierte Bildungswesen Deutschlands macht die Umstrukturierung allerdings momentan noch schwierig, wenn nicht unmöglich. Eine Einigung bei 16 verschiedenen Ideen der Bundesländer ist kompliziert, ein Anfang der durchaus positiven und erforderlichen Revolution des Schulsystems schwierig zu machen und vor allem ist unklar, wo er gemacht werden soll. Und die große Frage, die sowohl von Seiten der Schlüchterner Schulen sowie auch seitens der ''Versuchsschule'' im Kreis Offenbach im Raum stehen bleibt ist: Bedeutet inklusive Pädagogik wirklich, dass ich viele verschiedene Schüler, mit verschiedenen Stärken, Schwächen, Einstellungen, Fähigkeiten und Hintergründen in einem Klassenraum zusammen habe und sie gleichsam integrieren und fördern kann?

Tim ist heute übrigens 23 Jahre alt, arbeitet als Hilfskraft in einem Gartenbaubetrieb und zeichnet sich schon seit Jahren durch ein sehr großes Sozialverhalten aus. Ihm hat die individuelle Betreuung geholfen, die auch in einem inklusiven Schulsystem oberste Priorität haben muss.


Bilder: © Richard Guth