Big Brother is watching you

Anstieg der Kriminalitätsrate in Hamburg - Erhöhung der Sicherheitsstandards in Deutschland - Stetig wachsende Überwachung des Bürgers





Es berichtet Max Berkel.

Egal wo wir uns gerade aufhalten, ob im Straßenverkehr, im Einkaufscenter, in der Bank oder an der Tankstelle um die Ecke, ein ständiger Beobachter hält unser Tun und Handeln in der Öffentlichkeit fest. Die Rede ist von der Kamera und der Videoüberwachung, mit deren Hilfe unser Alltag sicherer werden soll. Aber können Kameras wirklich bei der Aufklärung von Straftaten helfen und welche Konsequenzen hat dies für die Privatsphäre der Bürger?

"Die Kameras verhindern auch nicht, dass Jugendliche einen Mann totprügeln", so erzürnt zeigt sich Walter aus Fulda, 37 Jahre alt und regelmäßiger Nutzer der Bahn. "Man hat doch gesehen, dass diese Überwachung macht- und nutzlos ist", fügt er an und spielt damit auf die Vorfälle am Münchener Hauptbahnhof und die ständige Frage nach der Effizienz der Kameras an. Letzte Wirksamkeitsanalysen der Hamburger Innenbehörde bestätigen den Verdacht von Walter und Skeptikern der Videoüberwachung. "Das Fall-aufkommen in den ausgewählten Deliktbereichen im videoüberwachten Bereich der Reeperbahn stieg im dritten Jahr der Videoüberwachung gegenüber dem Jahr vor Inbetriebnahme der Videoüberwachung um 32%", heißt es in der Analyse.

Anders hingegen schätzt die 24-Jährige Studentin Miriam aus Frankfurt die Situation an Bahnhöfen ein. Sie fühlt sich durch die Kameras sicherer und auch der Überwachung tritt sie aufgeschlossen entgegen: "Wenn man manchmal alleine abends am Bahnhof steht, ist man schon froh, wenn man bemerkt, dass die Kameras das Geschehen im Blick haben. Außerdem stören die nun wirklich keinen und das gefilmte Material bleibt für Unbefugte unzugänglich."

Eine andere Lage hingegen scheint sich an den Flughäfen der Republik abzuzeichnen. Zusätzlich zu Kameras und Wachpersonal kommt hier seit September 2010, im Rahmen eines Tests, der Körperscanner zum Einsatz: "Ich habe mich schon geschämt und wusste nicht, was mich erwartet, als ich zum ersten Mal durch den Scanner gehen durfte", beschreibt Waltraud ihr erstes Erlebnis mit dem Gerät, das vielleicht in Zukunft an jedem deutschen Flughafen vorzufinden sein wird. "Aber vielleicht auch, weil ich mit meinen 62 Jahren nicht mehr die tollste Figur habe", scherzt die Hamburgerin.

Impulsiver gibt sich die 18-jährige Schülerin Jasmin aus Wiesbaden: "Ich fände es überhaupt nicht gut, wenn man dann plötzlich beim Vordermann ein Intimpiercing oder so auf dem Monitor vorfindet. Das wäre mir persönlich total peinlich." Auch spricht sie sich klar gegen eine Erhöhung der Sicherheitsstandards aus: "Ich hoffe nicht, dass der Scanner eingeführt wird, mir reichen die ständigen Kontrollen, wo man abgetastet wird, schon aus." In der Tat sind zusätzlich zu möglichen Sprengkörpern und gefährlichen Flüssigkeiten auch derartige Details wie Piercings und künstliche Hüftgelenke auf den Piktogrammen zu sehen.

Einen anderen Standpunkt hingegen nimmt Bundesinnenminister Thomas de Maizière ein. Er hält neuartige Sicherheitsmaßnahmen für notwendig und versucht die Zweifel am "Nacktscanner" zu beseitigen. Auf einer Pressekonferenz erklärte er: "Der Test mit diesem Gerät ist auch möglich geworden, weil wir sichergestellt haben, dass die von mir immer wieder genannten drei Grundvoraussetzungen erfüllt sind: gesundheitliche Unbedenklichkeit, Wahrung der Persönlichkeitsrechte und ein Mehrwert für die Luftsicherheit."

Fernab der Flughäfen und Bahnhöfe scheint jedoch auch ein weiterer Sektor vom neuen "Sicherheitsverständnis" betroffen zu sein. In Kaufhäusern und größeren Einkaufszentren gehören Kameras längst zum Sicherheitsstandard. Als Ergänzung und zur Sicherheit des Kunden ist immer häufiger Wachpersonal im Eingangs- und Ausgangsbereich positioniert sowie geht dieses auf "Streife" unter der Kundschaft.

"Mich stören die Wachleute und Kameras beim Einkaufen nicht", sagt der 17-jährige Schüler Phillip aus Fulda und gibt sich verständnisvoll: "Ist doch klar, dass die Geschäfte ihre Produkte schützen und Diebe fernhalten wollen ". Jedoch treffen diese Maßnahmen nicht überall auf soviel Verständnis. Immer häufiger sehen sich Wachleute mit verärgerten Kunden konfrontiert, die ihrem Unmut Luft verschaffen. Zu dieser Gruppe gehört auch Walter aus Fulda. Er bezweifelt den Sinn und die Effektivität der zusätzlichen Wachleute: "Dass die Security einen fest entschlossenen und unauffälligen Taschendieb abwenden können, glaube ich nicht." Auch fühlt er sich durch das Wachpersonal ständig beobachtet und erklärt aufgebracht: "Das nervt mich schon, wenn ich für meine Frau ein Parfüm kaufen will und diese Kerle immer um einen herumlaufen".

Die Zweifel sind durchaus berechtigt, einer Berliner Studie zufolge blieben etwa 95% aller Fälle, in denen Schaden im Einzelhandel durch Diebstahl und mutwillige Zerstörung entsteht, ungeklärt und dies trotz Kamera und Security.

Häufig im "Kundendialog" befinde sich Jörg S., Mitglied des Sicherheitsteams bei Douglas in Fulda. Er kann nach eigenem Bekunden den Ärger der Kunden kaum nachvollziehen und gibt sich nachdenklich: "Mein Auftrag ist es den Kunden zu schützen und nicht zu überwachen, doch scheinbar erkennen das manche einfach nicht. Wenn jemand aber von einem Taschendieb beklaut würde, wäre der Aufschrei umso größer."

Sicherheit scheint einen immer größeren Stellenwert in unserem Alltag zu gewinnen, ob man dies nun begrüßt oder ob man sich diesem ausgesetzt fühlt. Kameras, Nacktscanner und Security können Hilfen bei der Überwachung von Verbrechen und beim Schutz des Bürgers in Kaufhaus, Tankstelle und Co. sein, aber eine absolute Sicherheit für Kunden und Passagiere zu bieten bleibt unrealistisch und unrealisierbar. Nicht nur die Sicherheitsstandards werden moderner, sondern auch der internationale Terror und die Kleinstadtkriminalität werden es. Ladendiebstähle und mutwillige Zerstörung sind nur die niedrigste Ebene der bundesweiten Kriminalität. Genau wie es das Einfliegen von Sprengkörpern und Waffen im internationalen Terror sind.

Aber eines kann man doch mit "Sicherheit" sagen: Noch sind für jeden Bundesbürger keine 5 Kameras installiert um für dessen Sicherheit zu garantieren. Frei nach dem Slogan 1 Container- 12 Insassen- 50 Kameras. "Big Brother is watching you".


Bild: © Er/ PIXELIO